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Bottine «Zip»

Stefi Talman (eigentlich Stefanie Thalmann), geboren 1958, entstammt einem chinesisch-schweizerischen Elternhaus. Sie besuchte 1975 die Kunstgewerbeschule Zürich und machte dann eine Lehre als Massschuhmacherin mit Zusatzausbildung in Mailand. 1979 eröffnete sie ein Atelier in Zürich und produzierte sieben Kollektionen, bevor das Label 1986 eingestellt wurde. 1994 lanciert sie es neu, stellt auch Taschen und Portemonnaies her und eröffnet 2001 ihren Laden in der Zürcher Altstadt. Seit 2014 wird der in Museumssammlungen eingegangene «Zip» in nachhaltiger Produktion in Norditalien wieder angefertigt.

von Gabrielle Boller

Für Schuhe, so ist inzwischen hinlänglich bekannt, können Frauen eine ruinöse Leidenschaft entwickeln. Das mag an vielen verschiedenen Dingen, womöglich aber auch an der Objekthaftigkeit schöner Schuhe liegen, denn anders als Kleider, die am Bügel wenig hermachen, können sie auch als Sammelobjekte in der Art von Kleinskulpturen in der Wohnung ausgestellt werden. Designer wissen das längst und gestalten Sandaletten und Pumps wie Zuckerbäckerwerk – in der Gewissheit, dass auch Exemplare, die für den Kontakt mit dem Strassenpflaster untauglich sind, ihre Abnehmerinnen finden. Nicht so Stefi Talman – ihre Schuhe sind, obwohl sehr feminin und verspieltelegant, immer bestens tragbar und so bequem, dass man in ihnen problemlos längere Strecken zu Fuss zurücklegen kann. Bestes Beispiel dafür ist das Modell «Zip» aus dem Jahr 1979, das in den frühen Achtzigerjahren richtiggehend Kult war und gerade in zeitgemässer Adaptation wieder neu aufgelegt wurde. Zum einen hat der knöchelhohe «Zip» etwas vom robusten Charme des klassischen Après-Skischuhs «Cresta», der von der Schweizer Traditionsmarke «Kandahar» in den Vierzigerjahren auf den Markt gebracht wurde. Doch die Bottine von Stefi Talman ist natürlich zeitgemäss komplett urban und zeigt raffinierte Details, vor allem auch bei der Platzierung des Riri-Reissverschlusses, der seitlich angebracht schwungvoll schräg über den Rist führt, um knapp vor der sich formschön verjüngenden Schuhspitze zu enden. Der leichte, aus feinem Leder gearbeitete und in verschiedenen Farben erhältliche Schuh mit dem praktischen und zugleich dekorativen Reissverschluss passte mit seiner rockigen Allüre wie kein anderer in das Jahrzehnt der Punks und Stadtindianer; man war damit immer und überall perfekt angezogen, an der Demo und in der Szene-Bar so gut wie an einer Vernissage.

«Zip» war eines von vier Modellen der ersten Kollektion von Stefi Talman, die als gelernte Schuhmacherin in Zürich ein eigenes Atelier für handgearbeitete Schuhe eröffnete und mit diesem Entwurf gleich international fulminanten Erfolg hatte. Ihren Schuhen eigen sind jene Qualitäten, die man allgemein gerne mit Schweizer Design verbindet: Sie sind bis hin zu den feinen gestalterischen Elementen funktional, solide gearbeitet und aus hochwertigen Materialien wie Ziegen- und Kalbleder oder fell gefertigt und zeigen mit ihren klaren Linien eine zeitlose Modernität. Vielleicht liegt Letzteres auch an ihrer unverwechselbaren Handschrift, an den ungewöhnlichen Farben und kontrastierenden Akzenten, an der oft speziell bearbeiteten Oberfläche des Leders, überhaupt an diesem eigenen, irgendwie futuristischen Retro-Stil, der mit den typischen halbhohen und fein geschwungenen Absätzen manchmal Schühchen so zart wie für Marie Antoinette geschaffen hervorbringt, die aber gleichzeitig so restlos frei von Chichi und so nonchalant emanzipiert sind, dass man sie ohne zu zögern in der Chefetage eines gläsernen Bürohauses und nicht im Boudoir verortet.


 1534,    01  Sep  2016 ,   Design & Architektur
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