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Das Kostüm

Anja Boije (*1965) und Andrea Hostettler (*1961) stammen beide aus Bern und absolvierten eine Ausbildung zur Damenschneiderin ((an der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule Bern.)) 1986 eröffneten sie am Berner Nydeggstalden ihr Atelier und gründeten das Label «Viento». Bis 1993 designten und produzierten sie vor Ort, danach lagerten sie die Produktion ihrer jährlich zwei Prêt-à-porter Kollektionen ins Tessin und in die Ostschweiz aus. Für ihre Entwürfe wurden sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Eidgenössischen Preis für Design 1988 und 1993 und mit dem Berner Designpreis 2015.

von Gabrielle Boller

Was ist Stil? Wie müssen Kleider aussehen, dass man ihnen das begehrte Attribut eines eigenen Stils zugesteht? Und wie sieht eine Kollektion aus, die über Jahrzehnte hinweg einen unverwechselbaren Stil pflegt und trotzdem jede Saison überrascht? Als Anja Boije und Andrea Hostettler 1986 im beschaulichen Bern ihr Label «Viento» gründeten, machten sie sich über solche Fragen keine Gedanken, sondern schneiderten Kleidung, die sie sich selbst wünschten – in einer aus ästhetischer Sicht etwas fragwürdigen Zeit, in der Schulterpolster, Karottenhosen und das «Power Dressing» aus den Fernsehserien «Der Denver­Clan» und «Dallas» das Bild dominierten. Von Punk und Aerobic inspiriert, unterlegt mit Sehnsucht nach Eleganz und geprägt vom beginnenden Körperkult, erwachte gleichzeitig eine neue Lust an der Selbstinszenierung – eine anarchische Aufbruchsstimmung lag geradezu in der Luft. Aus diesem Zeitgeist destillierten die beiden Designerinnen von «Viento» Kleider, die schnell eine souveräne Handschrift entwickelten und einen unverkennbaren Stil zeigten: prinzipiell klassisch und feminin­elegant, mit raffiniert körperumschmeichelnder Schnittführung, dabei eben so bequem wie sexy und eigenwillig glamourös.

Die Schnitttechnik ist dabei zu einer Art Markenzeichen von Anja Boije und Andrea Hostettler geworden. Virtuos arbeiten sie mit dem Fadenlauf ihrer ausgesuchten Stoffe, bis jene die Silhouette präzise nachzeichnende und mit Raffungen umspielende, dann wieder in Falten aufspringende und volle Bewegungsfreiheit gewährende Form gefunden ist. Radikal entstaubten sie so auch das Kostüm von jeglichem biederen Mief und enthoben es aller Steifigkeit, machten aus dem Inbegriff der bürotauglichen Tristesse und des piekfeinen Damenlunchs ein so rebellisches wie erotisches, praktisches wie unbekümmertes Kleidungsstück. Manchmal erinnert die kunstvolle Linienführung dabei an die japanische Papierfalttechnik Origami, dann wieder gemahnen ein ausladender Kelchkragen an Maria Stuart oder üppige Manschetten an die Handschuhstulpen der drei Musketiere. Doch laute Theatralik ist den Kleidern fremd; auch wenn sie den Alltag mit zeitgemässer Märchenhaftigkeit illuminieren, zeichnet sie vor allem Strapazierfähigkeit und ein angenehmes Understatement aus. Bis zur Zusammenarbeit mit der Textildesignerin Sonnhild Kestler herrschte gar überwiegend monochrome Dezenz in Grau­, Blau­ und Brauntönen vor, nur beim Hochkrempeln der Ärmel blitzten schon immer die kontrastfarbig gesäumten Innennähte hervor. Sie sind charakteristisch für die Entwürfe der beiden Designerinnen, die es konsequent einzig in ihrem Geschäft in der Berner Altstadt zu kaufen gibt – oder im Secondhandladen, wo die zeitlosen «Viento» Modelle von treuen Stammkundinnen bisweilen so gesucht werden wie vergriffene Raritäten im antiquarischen Buchhandel.


 112,    10  Apr  2017 ,   Design & Architektur
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