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Design: Kurt Thut

Der Folienschrank

Kurt Thut wurde 1931 in Möriken geboren und machte erst im väterlichen Betrieb eine Schreinerlehre, bevor er 1952 die Kunstgewerbeschule in Zürich besuchte und unter anderem bei Willy Guhl Innenarchitektur und Design studierte. 1961 eröffnete er ein eigenes Büro für Architektur- und Innenausbau in Zürich. Zusammen mit Hans Eichenberger, Robert Haussmann und Teo Jakob gründete er die Kollektion «Swiss Design». Kurt Thut, der als Doyen der Schweizer Designszene galt, starb 2011 in Zürich; die von ihm gegründete Thut AG wir heute von seinen beiden Söhnen weitergeführt.

von Gabrielle Boller

Wenn es ein Möbelstück gibt, das die Bedürfnisse des modernen Menschen als eines sich ständig neu orientierenden Wohnnomaden erfasst und auf den gleichzeitig schicksten wie klarsten Nenner gebracht hat, ist es der Folienschrank von Kurt Thut. Seine Leichtigkeit – mit 26 Kilo wahrlich ein Federgewicht unter den Schrankmöbeln – verdankt er einer dem Segelflugzeugbau entliehenen Konstruktionsweise. Dabei wird ein Gerippe mit vertikalen, horizontalen und etwas feineren diagonalen Verstrebungen aus Buche und Flugzeugsperrholz mit pflegeleichtem Segeltuch bespannt.

Sanft kann Licht durch das seidenmatte Material schimmern, sodass das Gerüst und auch eine erlesene Garderobe, die man eigentlich nicht verstecken möchte, im Inneren des Kastens dezent ihre Präsenz manifestieren können. Beim Öffnen der Türen lässt sich das biegsame Tuch dank einer unkomplizierten mechanischen Vorrichtung in eine weiche Vorhangfalte legen – wie könnte man einen Schrank eleganter aufmachen? An so etwas wie «gute Form» dachte Kurt Thut dabei jedoch keineswegs – seine Entwürfe entstanden vielmehr aufgrund pragmatischer Überlegungen. Nachdem der diplomierte Innenarchitekt 1976 die Schreinerei seines Vaters übernommen hatte, musste er den Handwerksbetrieb erst einmal durch die anbrechende Rezession bringen. Mit neuen Materialien und Techniken entwickelte er Möbel, die auf die sich ändernden Verhältnisse zugeschnitten waren – so folgte der Folienschrank 1994 auf einen mit zwei Tiefen zwar funktionalen, aber auch schweren und teuren Aluminiumschrank. Ausgerechnet zu Zeiten des postmodernen Barocks kam mit dem textilen Kasten ein schlankes und geradezu bescheidenes Möbel auf den Markt, das seine unaufgeregte Schönheit und zeitlose Modernität der Präzision einer auf Zweckmässigkeit ausgerichteten Konstruktion verdankte – und damit Erfolg hatte.

«Was Thut tut, tut Thut gut» – so äusserte sich Robert Haussmann einmal anerkennend über seinen Kollegen, und tatsächlich waren alle Entwürfe, die Kurt Thuts Möbelwerkstätte im aargauischen Möriken verliessen, stets überaus praktische, dabei ausgetüftelt erfinderische und gleichzeitig verblüffend einfache Konstruktionen. Vielleicht glückte ihm dies dem Anschein nach so mühelos, weil er beim Möbelbau ungewohnte Funktionsprinzipien verwendete: Ein Scherengitter wie bei einem Topfuntersetzer, ein Blasebalg wie bei einer Ziehharmonika oder ein Skelett mit einer Membran wie beim Flugzeugbau sind Elemente, die bei ihm artfremd Eingang fanden und seinen Möbeln eine neue Art von Leichtigkeit verliehen. Sie lassen sich platzsparend zusammenschieben, einfach transportieren und den verschiedensten Wohnsituationen anpassen. Effizienz und Sparsamkeit, das waren die Eigenschaften, die für Kurt Thut beim Möbeldesign ausschlaggebend waren, und so erstaunt es nicht, dass für ihn dabei galt: «Mit Wohnen beschäftigt man sich vielleicht einmal im Leben, dann hat man wieder andere Sorgen.»


 2396,    29  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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