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Design & Architektur

Architekt: Heinz Isler

Autobahnraststätte Deitingen Süd

Heinz Isler wurde 1926 in Zollikon geboren, studierte an der ETH in Zürich und schloss 1950 mit dem Ingenieurdiplom ab. Nach einer Assistenzzeit bei Professor Pierre Lardy besuchte er in Zürich die Malklasse der Kunstgewerbeschule, bevor er 1954 in Burgdorf ein Büro eröffnete. Er gilt als einer der drei grössten Bauingenieure der Schweiz, weltweit als Pionier des Schalenbaus und als Künstler und Poet seiner Zunft. 2009 ist er in Bern gestorben. Zu seinen bekanntesten Gebäuden gehören das Ausstellungsgebäude der Gärtnerei Wyss in Zuchwil, das Hallenbad in Brugg und das Fliegermuseum in Dübendorf.

von Gabrielle Boller

Zurück in die Zukunft – so kommt es einem vor, wenn man die Autobahnraststätte Deitingen Süd an der A 1 ansteuert. Denn so futuristisch-kühn wie sich die beiden vom Bauingenieur und Architekten Heinz Isler konstruierten Schalenflügel mit dreissig Metern Spannbreite über die Gaststätte wölben, symbolisieren sie noch heute die Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre, als die ersten Autobahnen uneingeschränkte Mobilität versprachen.

Schnell wollte man sich auf grosser Fahrt auch verpflegen können, und die Raststätte in Deitingen, 1968 das erste Autobahnrestaurant der «Mövenpick Silberkugel»-Kette, reagierte auf die neuen Bedürfnisse. An die Möwe als Firmenzeichen des Schweizer Fast-Food-Pioniers erinnert das Gebäude allerdings eher zufällig, auch wenn die beiden Flügel ihre Dynamik und schwungvolle Eleganz tatsächlich der Natur abgeguckten Formen verdanken. In Muscheln, Blütenblättern, Eierschalen und Nüssen fand Heinz Isler zarte und gleichzeitig widerständige Gebilde, von denen er sich für seine viel mehr empirisch-experimentellen denn mathematisch berechnenden Forschungen zu dünnwandigen Schalenkonstruktionen inspirieren liess. Seine Arbeit basierte auf Modellen, mit denen er verschiedene Versuchsreihen aufbaute – auf diese Idee wiederum brachte ihn, wie er gerne erzählte, ein Kopfkissen, dessen in aufgeplustertem Zustand perfekte Form er rekonstruieren wollte. Dazu dienten ihm Kunststoffmembrane oder auch schlicht nass gespritzte Tücher, die er im Winter in seinem Garten in Zuzwil BE aufhängte, gefrieren liess und dann umdrehte – fertig war das Modell für Tennishallen, Gartencenter, Flugzeughangars, Freilichtbühnen und Kirchen. Nur in den Ecken gestützt, können die Spannbetonbögen grosse Flächen überdachen. Ausserdem bilden die fugenlos gegossenen Schalen bei blosser Druckspannung keine Risse. «Die Form hat die Natur entwickelt, nicht ich», meinte Heinz Isler dazu bescheiden, charmant verschweigend, dass seine so genialen wie schlichten Konstruktionen natürlich auf der perfektionierten Weiterentwicklung einer spielerisch gefundenen Form beruhen.

Um die 1400 Schalenkonstruktionen, in verschiedenen Ausführungen und Spannweiten, und kaum mehr als je acht Zentimeter dick, hat Heinz Isler in der Schweiz und in Europa realisiert und zählt damit zu den weltweit bedeutendsten Schalenbauern. Trotzdem sollten 1999 die Schalen in Deitingen abgerissen werden, um einem Neubau Platz zu machen – doch Widerstand rührte sich vonseiten der Solothurner Denkmalpflege, und in den Medien entflammte eine hitzige Debatte. Vielleicht war das visionäre Gebäude einer fortschrittseuphorischen Epoche nach der grossen Ernüchterung durch den Verkehrskollaps zwischenzeitlich suspekt geworden – doch heute schätzt man in der einzigartigen Konstruktion der schwebend wirkenden Schalen gerade auch ein Kulturdenkmal, das die Ästhetik einer zukunftsorientierten Zeit idealtypisch verkörpert.

 


 2412,    29  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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