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Design & Architektur

Architekt: Santiago Calatrava

Bahnhof Stadelhofen

Santiago Calatrava, Spross eines spanischen Adelsgeschlechts, wurde 1951 in Valencia geboren. Er studierte in einer Heimatstadt Architektur, ab 1975 an der ETH in Zürich Bauingenieur, und schloss 1981 mit der Promotion ab. Sein erstes Büro eröffnete er 1980 in der Zürcher Enge. 2012 verlegte der Stararchitekt und Künstler auch seinen Geschäftssitz in seine Wahlheimat Schweiz. Bekannt wurde Calatrava vor allem durch seine spektakulären Brücken und Bahnhöfe. Zahlreiche Projekte realisierte er auch in der Schweiz, so etwa die neue Bahnhofshalle in Luzern und die Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Uni Zürich.

von Gabrielle Boller

Wer zur Rushhour auf einen verspäteten Zug wartet, der hat normalerweise kein Auge für die architektonischen Feinheiten eines Perrondachs – doch am Zürcher Bahnhof Stadelhofen würde es sich durchaus lohnen, den Blick ein wenig schweifen zu lassen: Der Bahnhof ist als erstes grosses Werk des spanischschweizerischen Stararchitekten Santiago Calatrava eine architektonische Delikatesse 1983 bis 1990 sollte der ehemalige Quartierbahnhof Stadelhofen mit einem dritten Gleis, einer Unterführung und Fussgängerpasserellen zur Hohen Promenade hin architektonisch aufgerüstet werden, um ihn als zentralen Verkehrsknotenpunkt des neuen S-Bahn-Netzes der Stadt zukunftstauglich zu gestalten. Dass der damals zu bescheiden dimensionierte Bahnhof inzwischen aus allen Nähten platzt, ist nicht dem Architekten anzulasten, auch wenn der futuristische Optimismus, den Calatravas luftig wirkender Entwurf immer noch ausstrahlt, heute fast anachronistisch wirkt.

Angegliedert an das alte klassizistische Bahnhofsgebäude zeigt die im lang gezogenen Bogen an den Hügel geschmiegte Perronanlage mit ihren filigranen Glasdächern, schwungvollen Treppenanlagen und eleganten Verstrebungen bereits die typisch organische, oder vielleicht besser: zoomorphe Formensprache Calatravas – in der Ladenpassage der Unterführung erinnert das plastisch durchstrukturierte Gewölbe mit seinen wuchtiggedrungenen Rippen ein wenig an das Innere eines Walfisches, die begrünte Pergola auf dem Viadukt über den Gleisen erscheint mit ihren feinen Stahlstreben wie ein zartes Vogelskelett, und ja, derlei poetische Anleihen lassen sich bei Calatrava viele finden. Die Nüchternheit des modernen Funktionalismus liegt ihm fern, in vielen Details – man betrachte bloss einmal die getreppten Sockel der Pfeiler in der Stadelhofenpassage – lässt Calatrava eine unverhohlene Lust am Ornament erkennen. Manchen erscheint er deshalb als der legitime Nachfolger Antoni Gaudís und dessen eigenwilligen Jugendstils, andere wiederum wollen bei ihm, wegen seiner Vorliebe für dekorative Tragwerke und sichtbar gemachte Kräfteverhältnisse in Konstruktionen mit grosser Spannweite, die Inspiration gotischer Baukunst erkennen – und tatsächlich erinnern seine himmelwärts strebenden Konstruktionen oft an lichtdurchflutete, ätherische Kathedralen.

Mit gigantischen urbanen Projekten wie etwa der Stadt der Künste und Wissenschaften in Valencia oder dem World Trade Center Transportation Hub in New York polarisiert Santiago Calatrava wie kaum ein anderer zeitgenössischer Architekt – doch weniger die ihm angelastete Verschwendungssucht und seine kostentreibenden architektonischen Extravaganzen dürften Kritiker stimulieren, als vielmehr seine für zeitgenössische Architektur ungewöhnliche Opulenz. Denn er schafft keine Zweckbauten, Architektur ist ihm Kunst, und seine Gebäude erscheinen oft wie aus dem All gefallene Kokons, die in einer durchrationalisierten Welt fremdartig schön von fernen Utopien erzählen.


 1895,    24  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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