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Design & Architektur

Das Kunstmuseum Appenzell

Annette Gigon, geboren 1959 in Herisau, und Mike Guyer, geboren 1958 in Columbus, Ohio (USA), legten beide ihr Diplom 1984 an der ETH Zürich ab. Anschliessend arbeitete sie unter anderem bei Herzog & de Meuron, er bei Rem Koolhaas, bevor sie zusammen 1989 ein eigenes Büro eröffneten. Beide haben seit 2012 eine ordentliche Professur an der ETH Zürich inne. Zu ihren wichtigsten Bauten gehören neben dem Prime Tower Bürohochhaus in Zürich vor allem Museumsbauten und Wohnbauprojekte wie im Pflegi-Areal oder farblich frisch im Brunnenhof in Zürich. Viele ihrer meist aus Wettbewerben entstandenen Gebäude wurden mit Preisen ausgezeichnet.

von Gabrielle Boller

Das Kunstmuseum Appenzell ist in mancherlei Hinsicht ein kleines Schmuckstück. Zum einen, weil das von Annette Gigon und Mike Guyer 1998 errichtete Museumsgebäude wie eine kostbare Schatulle in die Appenzeller Landschaft eingebettet ist, zum anderen, weil das Gebäude als Paradebeispiel für Museumsarchitektur stehen kann, die der Kunst einen eindrucksvollen und aussergewöhnlichen, aber niemals exaltiert auftrumpfenden Rahmen zur Entfaltung bietet. Der silbern schimmernde Monolith mit der gezackten Dachstruktur verströmt vielmehr ruhige Gelassenheit und nimmt wie selbstverständlich Vorgaben der natürlichen und gebauten Landschaft auf, um sie in zeitlos schlichter Modernität zu spiegeln. So erinnert die Fassade mit ihren schuppenförmig überlappenden sandgestrahlten Chromstahlblechen an die sonnengegerbte, metallisch-grau schimmernde Schindelverkleidung der traditionellen Appenzeller Häuser, wobei deren in den Ortschaften hübsch aufgereihten, spitzen Satteldachgiebel zudem ein Echo im Zick-Zack des Museumsdachs finden. Aus der Ferne grüsst dazu das mächtige Volumen des Alpsteinmassivs, dessen scharfkantig ziselierte Gipfellinie mit dem kleinen Dachgebirge in Dialog tritt.

Das Dach erinnert aber auch an die Shed- oder Sägezahndächer von Fabrikhallen, vom Typus her funktionale Mehrzweckgebäude mit neutralen Räumen, wie sie auch einem Museum gut anstehen. Von Vorteil ist dabei hauptsächlich die gute Streuung des Lichts. Mit den nach Norden ausgerichteten Dachfenstern können alle Räume schlagschattenfrei gleichmässig ausgeleuchtet werden, was durch die Verkleidung der Dachflächen mit Chromstahlblechen noch optimiert wird. So erstrahlen denn die Innenräume in einem weichen Licht, helle Wände und ein Fussboden aus gegossenem Beton schaffen zusätzlich eine lichte, neutrale Atmosphäre. Die zehn gegen Norden gestaffelt kleiner werdenden Ausstellungsräume sind von Ruhe und Klarheit geprägt, während die Eingangshalle sich mit grosser Fensterfront und nach aussen gestülptem Volumen wie ein Schaufenster oder, man verzeihe den Vergleich, wie ein überdimensioniertes Blumenfenster aus dem kompakten, nach innen konzentrierten Baukörper herauslöst.

Spätestens seit dem Bau des Prime Tower in Zürich führen Gigon/Guyer das Etikett «Stararchitekten» – doch es wäre zu kurz gegriffen, ihr Büro nur in Verbindung mit prestigeträchtigem Turmbau zu sehen. Ihre ersten grossen Erfolge konnten die beiden viel früher – 1992 mit dem Kirchner Museum in Davos und drei Jahre später mit dem Erweiterungsbau des Kunstmuseums Winterthur – auf dem Gebiet des Museumsbaus verbuchen. Ihren Stil prägt dabei nicht ein repetitives Formenvokabular, sondern ihr Prinzip, jedes Mal eine frische, massgeschneiderte, gelegentlich auch farbige Lösung für eine Bauaufgabe im Hinblick auf die Gegebenheiten eines Orts zu finden.


 138,    10  Aug  2017 ,   Design & Architektur
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