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Design & Architektur

Der Abfallhai

Werner Zemp, geboren 1940 in Kleinwangen LU, besuchte nach einer Lehre als Möbelschreiner die Kunstgewerbeschule Luzern und studierte von 1963 bis 1967 Design an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Nach Auslandaufenthalten in Mailand, London und Santiago de Chile gründete er 1972 ein Designbüro in Cabiate bei Como. Von 1978 bis 1993 war er Leiter der Designabteilung der Devico Design AG und eröffnete danach zusammen mit seiner Frau ein eigenes Büro im Technopark in Zürich. Seit 2008 lebt Werner Zemp in Amden, wo er sich hauptsächlich mit freien künstlerischen Projekten befasst.

von Gabrielle Boller

Es gibt Dinge, die sind von so grossartiger Selbstverständlichkeit, dass sie einem mit der Zeit fast gar nicht mehr auffallen, obwohl man sie ständig benutzt – weil sie ihrem Zweck perfekt dienen und von unaufdringlicher Wohlgestalt sind. Abfallkübel beispielsweise gehören im Stadtbild zu jenen Objekten, die man zwar nicht sonderlich beachtet, aber rasch finden möchte, wenn gerade ein Bonbonwickelpapier zu entsorgen ist. Ein Abfallkübel sollte also gut sichtbar, aber gleichzeitig auch so diskret sein, dass er etwa vor einer historischen Fassade nicht stört oder gar als Schandfleck wahrgenommen wird. Und das sind erst die Wünsche, die vonseiten der Benutzer an den Müllkübel herangetragen werden – dazu hin sollte er auch von den Reinigungskräften leicht zu bedienen und gegen Vandalismus sowie andere Bedrohungen immun sein. Genug Herausforderungen für Werner Zemp, um sich nach einer Ausschreibung der Stadt Zürich mit dem auf Anhieb wenig glamourös erscheinenden Projekt eines neuen Entwurfs für Abfallkübel zu beschäftigen. Sein Objekt, der schlanke zylindrische «Abfallhai» aus matt glänzendem Chromstahl, gewann schliesslich 2002 nicht nur die Ausschreibung, sondern inzwischen auch zahlreiche renommierte internationale Designpreise.

Das Kunststück, aus einem Müllkübel ein elegantes Designobjekt zu machen, gelang Werner Zemp durch konsequentes Nachdenken über Form und Funktion. So ist die abgeschrägte Oberseite nicht nur schön anzusehen und verleiht dem Objekt Dynamik, sondern lässt auch Regenwasser gut abfliessen und verhindert, dass auf dem Kübel etwas deponiert wird. Zudem wird so der Einfallwinkel sichtbar, in dem die Abfälle durch den hoch angebrachten Einwurfschlitz in den Container purzeln – jegliches Volumen darüber bliebe leer und sinnlos. Darunter allerdings soll möglichst viel Weggeworfenes Platz finden – dies gelingt dank bester Ausnutzung des Innenraums mit minimalem Aussenvolumen und einer praktischen Schwingtür für die Leerung. Der schnittige «Abfallhai» – seinen Namen verdankt er übrigens einem Journalisten – ist ein absoluter Exportschlager, er steht von Oberuzwil bis nach Wien in verschiedensten Ausführungen, im Engadin bärensicher und in Lausanne in neuster Hightechversion mit Solarzellen zum Verdichten des Abfallvolumens. Werner Zemp hat das unscheinbare Alltagsobjekt mit demselben Anspruch und derselben Sorgfalt konzipiert wie etwa eine Kaffeemaschine, bei der er neben der schwungvollen Front auch die Rückseite formvollendet gestaltete. Präzision bis ins letzte Detail und Funktionalität sind die einen Pfeiler von Zemps Design – eingeübt nicht zuletzt an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo einst auch Max Bill lehrte – sinnliche Anmutung und Charme die anderen. Wo sonst gibt es schliesslich einen Abfallkübel mit breit lächelndem Mund?


 230,    07  Jun  2017 ,   Design & Architektur
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