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Design & Architektur

Designer: Hans Coray

Der Landi-Stuhl

Hans Coray, 1906 in Wald ZH geboren, promovierte 1929 in Romanistik. Als Autodidakt experimentierte er zuerst mit Metall- und Drahtmodellen und entwarf Möbel und Skulpturen. Er war befreundet mit Künstlern aus dem Kreis der «Zürcher Konkreten» und heiratete 1932 die Malerin Verena Loewensberg. Später widmete er sich zunehmend der Kunst und beschäftigte sich mit humanistischen Wissenschaften. Er starb 1991 in Zürich.

von Gabrielle Boller

Er ist der absolute Klassiker der modernen Gartenstühle. Wo er auf der Terrasse steht, da sind Stil und guter Geschmack zu Hause. «Gartenstuhl» ist daher für den legendären Landi-Stuhl eine fast etwas despektierliche Bezeichnung, denn wie kaum ein anderes Objekt verkörpert der Stuhl mit dem charakteristischen Lochmuster bis heute den kühlen Charme der Moderne. Er steht für Zukunft und Fortschritt und stellte in den 1930er Jahren in seiner schlichten, formschönen und funktionalen Eleganz die perfekte Möblierung für die grosszügig konzipierten Aussenbereiche des Neuen Bauens dar.

Als Hans Fischli, Assistent des Landi-Chefarchitekten Hans Hofmann, beim Künstler und Designer Hans Coray einen ganz und gar neuartigen Freiluftstuhl für die Schweizer Landesausstellung 1939 bestellte, dachte er an ein Möbelstück, das nicht nur den Besuchern als bequeme und ästhetisch ansprechende Sitzgelegenheit dienen, sondern gleichzeitig für eine moderne, technisch fortschrittliche Schweiz stehen sollte. Material der Wahl für das neue Wunderding war deshalb Aluminium – es war leicht, robust und galt als besonders schweizerisch, stellte doch die energieintensive industrielle Herstellung des Metalls seit dem 19. Jahrhundert einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. Aluminium liess sich flexibel walzen und pressen, war formstabil und besass zudem einen silbern schimmernden Oberflächenglanz, der zum angestrebten «freundlichen Ausdruck» des Stuhls beitrug.

Hans Coray brachte mit seinem Entwurf die spezifischen Möglichkeiten des Materials in jeder Hinsicht zum Strahlen und schuf mit der auf ein separates Untergestell montierten, dreidimensional verformten Sitzschale des Landi-Stuhls dazu gleich einen neuen Konstruktionstypus. Zum genialen Wurf gehörten auch die zwei uförmigen, durch Querstreben verbundenen Bügel des Gestells, die zugleich Armlehnen und Stuhlbeine bildeten – so liess sich der filigrane, nur gerade drei Kilo schwere Stuhl senkrecht stapeln. Und die berühmten Löcher? Sieben in einer Reihe und einundneunzig insgesamt waren es beim Original, und sie waren natürlich keineswegs als Allusion an Schweizer Käse gedacht, sondern halfen das Gewicht der Stühle zu reduzieren und ihre Stabilität zu erhöhen – durchlässig für Regenwasser und Wind, trotzten sie auch frischeren Brisen. Dass das moderne Sitzen nicht zu einer steifen Angelegenheit wurde, dafür sorgte der 74-Grad-Neigungswinkel der Rückenlehne. Heute könnte man die schicken Freiluftstühle als die Wellnessinseln der Landi bezeichnen, denn sie sollten der Entspannung dienen, aber trotzdem – gefläzt wurde damals in der Öffentlichkeit noch nicht – ein aufrechtes und manierliches Sitzen erlauben. Die 1500 Stühle, die in der Metallwarenfabrik Paul und Willi Blattmann in Wädenswil gefertigt wurden, konnten übrigens nach Ende der Landesausstellung von den Besuchern für fünf Franken pro Stück gekauft werden – glücklich, wer im Schuppen der Grosseltern auf ein vergessenes Exemplar stossen sollte.


 1897,    24  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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