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Design & Architektur

Die überdrehte Liege

Beat Frank, 1949 in Bern geboren, arbeitete nach einer Grafikerausbildung an der Berner Kunstgewerbeschule als Zeichner und Illustrator; ab 2002 lehrte er als Dozent an der Berner Hochschule der Künste. Zum Möbeldesign gelangte er 1984 über die Gestaltung einer Buchhandlung; im selben Jahr gründete er das «Atelier Vorsprung» und entwickelte vielfach ausgezeichnete skulpturale Möbel, die er heute unter dem Namen Edition Beat Frank bei der Schreinerei Bigler in Oberdiessbach produziert. Seine überdrehte Liege wurde in die Sammlung der Pinakothek der Moderne in München aufgenommen.

von Gabrielle Boller

Zwei sich durchdringende Linien, die sich zu einer im Raum schwingenden Figur mit ausbalanciert filigranem Volumen fügen – die weich fliessende Konstruktion der «überdrehten Liege» würde man glatt als Skulptur durchgehen lassen, wenn nicht diese Mulde wäre, die schliesslich doch noch an eine Sitzgelegenheit erinnert, zumindest wenn die Liege mit ihrer weich gewellten Seite nach oben aufgestellt ist. Wie der Name schon andeutet, erlaubt das Möbelstück aber auch noch andere Arten der Platzierung im Raum. Der Berner Designer Beat Frank hat 2002 mit seinem zugleich elegant wie archaischkrude anmutenden Objekt ein wendiges Möbelstück gestaltet, das, je nach Drehung, eine Liege, eine Chaiselongue oder ein Hochlehnerstuhl ist. Das zwischen Kunst- und Gebrauchsobjekt oszillierende Möbel zeigt eine Mehrdimensionalität, die zum einen ganz handfest praktische, zum anderen aber auch ästhetische Qualitäten besitzt – beim Betrachten wird die Möglichkeit der Drehung schnell einmal wahrgenommen, und man glaubt sich einem Objekt gegenüber, das keinen Anfang und kein Ende, kein Oben und kein Unten besitzt. Beat Frank sucht nach konstruktiven Lösungen, die den Möbeln ihre Schwere und Starre austreiben – das Wohnen stellt er sich als einen fluiden Prozess vor.

Dafür tüftelt er lange und hartnäckig an ungewöhnlichen Konstruktionsideen, dabei stets neuste Techniken in Anspruch nehmend, bis er die eine, für seinen Zweck optimale Form gefunden hat. Für den Entwurf der überdrehten Liege arbeitete er sechzehn Freihandzeichnungen aus, dann wurde das Ganze mit der Laserfräse aus Birkenschichtholz ausgeschnitten – also nicht in klassischer Manier in die Form gebogen. Mühelos, ja fast magisch scheinen sich nun zwei Flächen zu durchweben, gefügt, gesteckt, geheim verbunden. Ein bisschen sehen seine Möbel dann aus, als seien sie einfach aus der Fläche in den Raum hinein gefaltet – wie beim Origami, der japanischen Faltkunst, die aus der Zweidimensionalität eines Blattes Papier ein wundersam luftiges und vielgestaltiges Volumen kreiert. Wenn seine Möbel kaum mehr an das erinnern, was man sich für Gewöhnlich darunter vorstellt, so liegt es auch daran, dass Beat Frank mit allen Überlegungen bei null beginnt – wie bei den Tischen und Stühlen für das Refektorium des von Le Corbusier gebauten Klosters La Tourette, für die er sich durch geduldige Begehungen des Ortes inspirierte. Oder – der Traum jedes Bibliophilen – bei seinem begehbaren Bücherregal, das mitnichten an der Wand, sondern als eine Art Weltkugel frei im Raum steht, sodass sich der Bücherliebhaber mitten in seine Schätze hineinbegeben kann. Doch auch wenn Beat Frank sich nicht um Konventionen schert, entstehen keine überspannten Konstruktionen, sondern bei aller Raffinesse geradezu radikal schlichte Objekte. Ganz am Anfang beginnend, nichts als einfach mal so gegeben hinnehmend – diese Arbeitsmethode benötigt Zeit, aber was entsteht, ist in keinem Fall so, wie man es schon immer erwartet hat.


 2134,    01  Sep  2016 ,   Design & Architektur
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