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Design & Architektur

Designer: Adrian Frutiger

Die Univers und die Frutiger

Adrian Frutiger wurde 1928 in Unterseen bei Interlaken geboren. Er lernte Schriftsetzer und besuchte 1949 die Kunstgewerbeschule in Zürich. 1952 zog er nach Paris, wo er 1961 ein eigenes Atelier eröffnete. Er entwickelte rund fünfzig Schriften, unter vielen Klassikern auch die maschinenlesbare Ocr-B, die seit 1973 internationaler Standard im Zahlungsverkehr ist. Neben seiner engagierten Lehrtätigkeit verfasste er zahlreiche Schriften, so 1981 das Grundlagenwerk «Der Mensch und seine Zeichen». 1992 siedelte er nach Bremgarten bei Bern um, wo er am 10. September 2015 gestorben ist.

von Gabrielle Boller

Schriften und Zeichen umgeben uns heute wie ein vielstimmiger Chor, bisweilen ein sehr lauter und nicht gerade harmonischer. In diesem Wirrwarr der Stimmen etwas zu gestalten, das sich ohne aufzutrumpfen Gehör verschaffen kann, ist grosse Kunst. Adrian Frutiger, dem Schweizer Schriftgestalter von Weltruhm, ist mit seinen Werken genau das gelungen. Er selbst sah seine Arbeit zwar eher als nobles Handwerk, doch seine Schriften, zeitlos schön, möchte man ohne zu zögern als Kunstwerke bezeichnen. Man begegnet ihnen überall, sie strukturieren den öffentlichen Raum auf Flughäfen, in der Pariser Métro, seit 2003 auf unseren Autobahntafeln, auf etlichen Firmenschriften grosser Unternehmen oder in der Vergangenheit an den Olympischen Spielen 1972 in München. Letztere verhalfen einer der ersten und vielleicht bekanntesten der vielen Schriften Frutigers, der «Univers», im Rahmen des durchdachten Corporate Designs endgültig zu weltweiter Bekanntheit. Entworfen hatte er sie schon viel früher, 1957 in Paris, als junger Gestalter bei der Schriftgiesserei Deberny & Peignot.

Die Univers ist eine serifenlose Linearantiqua, auch Grotesk genannt, also eine Schrift ohne «Füsschen », modern, elegant und gut lesbar, mit der Besonderheit, dass sie als erste überhaupt gleich als ganze Schriftfamilie entworfen wurde. Das heisst, es gab sie von Anfang an in mehr als zwanzig verschiedenen Varianten, schmal, breit, kursiv, in einem perfekt aufeinander abgestimmten Programm. Bis heute ist sie dank ihrer – wie der Name schon sagt – universellen Einsatzmöglichkeiten und charmant-diskreten Neutralität ein Liebling der Gestalter geblieben. Als Schrift der Signalisation für den neuen Flughafen von Paris erschien sie Adrian Frutiger allerdings unpassend, und deshalb entwickelte er Ende der 1960er Jahre, inzwischen im eigenen Atelier, für das ambitionierte Bauvorhaben aus einer seiner früheren Schriften etwas Neues, die «Roissy», die 1977 als «Frutiger» auf den Markt kam und mindestens ebenso grosse Bekanntheit wie die Univers erlangen sollte.

Eine Schrift sei wie ein Löffel, meinte Adrian Frutiger einmal – wenn man den beim Suppenessen ständig bemerke, tauge er nichts. So dachte er denn beim Entwerfen der Schrift für den Pariser Flughafen zuallererst auch an die Menschen, die gestresst und in Eile nach dem Weg suchen, und wollte ihnen nicht auch noch eine polternde, aggressive Schrift zumuten. Die Frutiger sollte mit ihrem klaren, auch von Weitem gut erkennbaren Schriftbild eine schnelle Orientierung ermöglichen, ohne selbst aufdringlich zu wirken. Doch Funktionalität ist nicht alles – für Adrian Frutiger, der rein geometrisch berechnete Formen nicht mochte und seine Schriften immer von Hand zeichnete, war eine Textzeile in geglückter Abfolge und Positionierung von Strichen und Leerstellen auch Harmonie und Klang. Ein Klang, der selbst im Getümmel einer Abfertigungshalle im Flughafen leicht und unaufdringlich, aber prägnant und äusserst angenehm zu vernehmen ist.


 1505,    29  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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