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Design & Architektur

Die Vase V63

Margrit Linck-Daepp, geboren 1897 in Oppligen, ist eine der bekanntesten Keramikkünstlerinnen der Schweiz. Sie lernte Töpfern in Heimberg bei Thun und studierte an den Kunstgewerbeschulen Bern und München. 1927 heiratete sie den Eisenplastiker Walter Linck und lebte mit ihm in Berlin und Paris, bevor sie 1942 an ihrem Wohnort in Reichenbach bei Zollikofen ihre Töpferwerkstatt gründete. 1957 kaufte sich das Ehepaar ein Haus im Burgund, wo die Künstlerin zeitweise lebte und arbeitete. 1983 starb Margrit Linck in Bern; die Werkstatt wird heute in Worblaufen weitergeführt.

von Gabrielle Boller

Ein abgesetzter Fuss, ein konischer Körper, eine Halsrille und ein zylindrischer Abschluss – diese klaren geometrischen Formen bilden übereinandergestapelt das klassische Linck-Vasenmodell mit der schlichten Typenbezeichnung V63. Wie bei vielen Entwürfen der bekannten Berner Töpferin Margrit Linck ergibt sich aus dem scharfen, kontrastreichen Wechsel konkaver und konvexer Elemente, in der Abfolge von Kerben und Rundungen, von weiten Kelchen und schmalen Hälsen aber mehr als bloss ein spannungsreiches Formenspiel, zeigt die Vase doch gewisse anthropomorphe Züge und erinnert damit unweigerlich an die abstrahiert-stilisierten Skulpturen afrikanischer Kunst. Stellt man sie zusammen, die hoch aufgeschossenen und die gedrungenen, die weichen, bauchigen und die schmalen, röhrenförmig-zylindrischen Vasen, Krüge und Schüsseln, dann hat man bald einmal ein vielgestaltiges Ballett von sorgfältig choreografierten Volumen und Hohlformen, die sich ganz wunderbar zu einem Bild fügen. Margrit Linck, die das Keramikhandwerk in Heimberg, einem Mekka der traditionellen Berner Bauernkeramik, gelernt hatte, drehte auf ihrer Töpferscheibe nicht lange bunt dekorierte «Chacheli», sondern erkannte bald, dass die Gebrauchskeramik der Moderne ein neues, auf einfachen geometrischen Grundformen wie Kegeln, Kugeln, Scheiben und Zylindern aufbauendes Vokabular benötigte. In den Vierzigerjahren begann sie, ihre Gefässe in einer reduzierten Formensprache und zunehmend monochrom in Weiss, gelegentlich auch in Schwarz, zu gestalten – die weisse Glasur und der Verzicht auf Dekor liessen die Form als Essenz ihrer Keramik in den Vordergrund treten. Neben dem, was man so schnöde als «Gebrauchskunst» bezeichnet, schuf Margrit Linck auch ein künstlerisches Werk, entwickelte aus Vasen surreal anmutende Keramikskulpturen, meist Tier- und Frauenfiguren, die sie 1949 in der Berner Kunsthalle neben Joan Miró ausstellen konnte. Inspirationen für ihre parallel geführten Tätigkeiten im freien und angewandten Bereich fand sie früh im Paris der Dreissigerjahre, wo sie sich zusammen mit ihrem Mann, dem Plastiker Walter Linck, längere Zeit aufhielt und in der schillernden Kunstszene rund um Arp, Giacometti und Picasso bewegte. Ab den Fünfzigerjahren konzentrierte sich Margrit Linck dann hauptsächlich auf die Weiterentwicklung ihrer Gebrauchskeramik und sicherte damit der Familie das Einkommen – doch was bedeutet diese Trennung von Kunst und Kunsthandwerk denn heute noch, wenn die schnittigen, zeitlos-modernen Formen und die Wärme des handwerklich präzisen Eigensinns der Linck-Gefässe gerade wieder neu die aktuelle Designszene erobern. Mehrere Hundert Modelle hat die Keramikkünstlerin in vierzig Jahren geschaffen, ein grosser Formenvorrat, aus dem sich die Produktion der in dritter Generation von Annet Berger geführten Manufaktur immer noch speist – und auch heute wird selbst das komplizierteste Stück aus Schweizer Ton von Hand auf der Drehscheibe gefertigt.


 2210,    15  Apr  2016 ,   Design & Architektur

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