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Design & Architektur

Design: Hans Eichenberger

Litfasssäule (Wogg 13)

Hans Eichenberger wurde 1926 in Grosshöchstetten BE geboren und absolvierte eine Schreinerlehre, bevor er 1950 in Paris ein Praktikum beim Innenarchitekten Marcel Gascoin machte und in Kontakt mit den Bauhaus-Architekten um Le Corbusier kam. 1951 gründete er in Bern ein eigenes Atelier für Innenarchitektur und Design. 1960 begann seine Zusammenarbeit mit «Atelier 5», gleichzeitig zog er in die vom Architektenteam gebaute HalenSiedlung, wo er bis heute lebt. Neben annähernd vierzig Sitzmöbeln, darunter heute noch produzierte Klassiker, entwickelte er auch Skibindungen und gestaltete SBB-Waggons, Geschäfte, Banken und Restaurants.

von Gabrielle Boller

Ein Schrank, ein Regal – das sind üblicherweise sperrige Möbelstücke mit Ecken und Kanten, die viel Wandfläche benötigen. Wäre es, da es davon in den meisten Wohnungen immer zu wenig gibt, nicht sinnvoll, wenn man Stauraum auch einmal auf andere Art schaffen könnte? So etwas mag sich Hans Eichenberger überlegt haben, als er 1994 ein Regal entwickelte, mit dem man den Innenraum wie einen freien öffentlichen Platz möblieren kann. Ein bisschen erinnert das Möbelstück denn auch an eine Litfasssäule, denn seine magnetische, drehbare Ummantelung lässt sich als Plakatwand und Pinboard nutzen, während man gleichzeitig im Innern Bücher, Kinderspielzeug, das gute Porzellan oder auch Bürokram und eine Kaffeemaschine verstauen kann. Aus dem Regal lässt sich so ein kleines, privates Kommunikationszentrum gestalten, ganz ähnlich den Plakatsäulen, die früher mit ihren Aushängen das noch ruhigere Stadtbild belebten. Die multifunktionalen Stelen kommen entsprechend bunt daher und werden von der Manufaktur Wogg je nach Wunsch in fast zwanzig Farben von zartem Pastell bis metallisch schimmerndem Anthrazit ausgeführt.

Die Litfasssäule ist ein spätes Werk von Hans Eichenberger, der heute als Doyen nicht nur der Berner Designszene gilt. Auch sie ist bereits ein Klassiker wie viele seiner früheren Entwürfe, darunter etwa der auch heute noch produzierte Saffa-Stuhl von 1955, der damals für den Modepavillon der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit in grosser Stückzahl angefertigt wurde. Während dieses Modell aus Stahlrohr den filigranen Schwung und die Leichtigkeit des Möbeldesigns der fünfziger Jahre in eine zeitlosbeständige Form überführte, schuf er mit dem archaischen Armsessel «Anti» von 1970 fast so etwas wie einen wuchtigen Gegenentwurf zu spielerischer Beschwingtheit. Mit Flügelschrauben verbundene Vierkant-Tannenholzbalken, einfach bespannt mit grobem Leinentuch, lassen den Sessel wie die Urform eines Fauteuils aussehen, der sich auch im Steinzeitinterieur der Familie Feuerstein gut gemacht hätte.

An Witz und Esprit fehlt es den stets aufs Wesentliche reduzierten Entwürfen von Hans Eichenberger nie, und mit feinem Gespür gelang es ihm auch immer, mit klaren, schlichten Entwürfen auf zeitgeistige Moden zu reagieren.

Die Ideen des Bauhauses, mit denen er während eines frühen Parisaufenthalts in Berührung kam, weckten in ihm das Interesse an industrieller Produktion, und so war es ihm stets ein Anliegen, moderne, funktionale Möbel zu schaffen, die in serieller Fabrikation Wohnqualität auch für den steigenden Bedarf garantieren können. Ganz und gar Pragmatiker, kann er in einem Interview, das er anlässlich der Verleihung des Berner Designpreises 2007 gab, auch erklären, wichtiger als das Möbelstück selbst sei ihm bei einem Tisch, was darauf zu stehen komme – und ja, dass man sich bequem an ihn hinsetzen und wieder weggehen könne, ohne dabei immer wieder über den Unterbau zu stolpern.


 2457,    29  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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