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Design & Architektur

«LO Locker»

Carmen und Urs Greutmann-Bolzern, beide ausgebildete Hochbauzeichner, absolvierten zwischen 1980 und 1984 gemeinsam ein Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich. Carmen Greutmann-Bolzern schloss als Innenarchitektin ab, Urs Greutmann als Industriedesigner. 1984 gründeten sie ihr eigenes Designbüro in Zürich. Zusammen mit ihrem Team widmen sie sich allen Bereichen des Designs, mit besonderem Augenmerk auf die Büroraumgestaltung, von der Lampe bis zur Corporate Identity. Seit 2003 teilt sich das Paar eine Professur für Produktgestaltung an der Akademie der Bildenden Künste in München.

von Gabrielle Boller

Schaut man sich die Lieblingsorte alter amerikanischer Filme und neuerer Fernsehproduktionen an, entdeckt man eine erstaunliche Häufung von Szenen in Umkleideräumen: Da kommt kaum ein «Tatort» ohne die unheilvolle Atmosphäre spätabendlich entleerter Fitnessstudios aus, wo auf die Letzte, die da nichts ahnend ihre Schuhe schnürt, bereits ein Unhold zwischen den eng gereihten Spinden lauert; kein Pennälerschwank ohne Schulhausgang, in dem nicht irgendein Kopf an eine blecherne Spindtür gewummert würde; keine Polizeikaserne, in der sich nicht einer mit kräftigen Faustschlägen gegen ein unschuldiges Garderobenschränkchen Luft machen würde. Genau, das Grauen haust im Spind, im angeranzten Schweissgeruch, der durch die Lüftungsschlitze dringt, in den dunklen Geheimnissen, die offensichtlich immer dort drin versteckt sind, und irgendwie auch zwischen den kitschigen Postkarten und pornografischen Bildchen, die innen an der Tür kleben. Der abschliessbare Spind ist die letzte Bastion des Privaten in öffentlichen Räumen, ein offensichtlich emotionsgeladenes Objekt, an das sich Erinnerungen an Schulhäuser, Autowerkstätten oder Feuerwehrmannschaftsräume heften.

Auf dem Boden solcher Assoziationen denken sich Carmen und Urs Greutmann-Bolzern die Funktion des Spinds neu. Denn mehr und mehr wandelt sich die Arbeitswelt, wird flexibel und mobil, sodass aus fix eingeräumten Büros temporäre «Workspaces» werden, in denen die Arbeitnehmer sich, den Möglichkeiten der elektronischen Medien gedankt, nicht mehr zwingend fünf Tage die Woche von morgens bis abends aufhalten müssen. Der für Lista Office neu konzipierte Spind «Locker» des Designerpaars ist denn auch ein modular aufgebauter universaler Schrank, gefertigt aus Stahlblech und in den buntesten Farben pulverbeschichtet lieferbar, der mit dem Charme der alten Möbel spielt, aber ohne deren Mief neue Aufgaben erfüllt. Natürlich steht der spielerische «Locker» nicht in Reih und Glied an der Wand, sondern lässt sich als Raumteiler verwenden und eignet sich dazu, im Grossraumbüro verschiedene komfortable Nischen einzurichten. Auch der «Smart Worker» von heute wünscht sich Stauraum für Privates, für Tasche und Fahrradhelm, für Schokoladenvorrat und Zahnbürste. Dank eines Schlosses mit Zahlenkombination an jeder Tür bleiben die persönlichen Utensilien im Schrank sicher verwahrt – nicht von ungefähr erinnert das funktionale Detail an ein Kofferschloss. Als moderne Nomaden der Arbeitswelt sind wir heute stets unterwegs, im Büro mit «nonterritorialem» Konzept gibt es bloss Orte, für die man sich je nach gerade zu erledigender Aufgabe entscheiden kann. Wie gut, dass man wenigstens auf die Oberfläche des «Locker» Magnetpins heften kann. Da ist es natürlich nicht so intim wie auf der Innenwand der Türe beim alten Spind, dafür weiss man gleich, mit wem man es zu tun hat.


 1106,    07  Jun  2017 ,   Design & Architektur
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