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Design & Architektur

Vrin

Gion A. Caminada wurde 1957 in Vrin geboren, wo er heute noch lebt und arbeitet. Nach einer Bauschreiner-Lehre und dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Zürich absolvierte er ein Nachdiplomstudium in Architektur an der ETH; seit 1998 lehrt er dort als Assistenzprofessor, seit 2008 als Ausserordentlicher Professor. Zu seinen bekanntesten Bauten zählen der Umbau des Hotels Alpina in Vals, das Mädcheninternat im Kloster Disentis, das Gasthaus Ustria Steila in Siat und die Umgestaltung des Engihuus in Valendas. 1998 erhielt Vrin den «Wakkerpreis» des Schweizer Heimatschutzes.

von Gabrielle Boller

Dem Besucher fallen sie zunächst gar nicht auf, die von Gion A. Caminada gebauten Ställe, die Metzgerei, die Wohnhäuser oder die Sägerei in Vrin, so unaufgeregt wie sie sich in den alten Dorfkern einfügen. Kein Wunder, denn in Material und Bauweise nimmt die zeitgenössische Architektur die vorhandenen Traditionen auf, bleibt jedem Spektakel abhold zweckmässig und solide. Über ein Dutzend schlicht-funktionaler Gebäude hat der gerne mal als Stararchitekt bezeichnete Caminada seit den Neunzigerjahren in Vrin geschaffen – wobei «Star» ein etwas schräger Begriff ist für einen, der mit seinen Bauten gerade nicht den vordergründigen Glanz, sondern die Verhältnis- und Zweckmässigkeit sucht. Es trifft sich natürlich, dass das zuhinterst im bündnerischen Val Lumnezia gelegene Vrin auch der Heimatort des Architekten ist – ganz genau kennt er die Bedürfnisse der grösstenteils noch bäuerlich geprägten und wie viele andere Bergdörfer von der Abwanderung betroffenen Gemeinde, in der mit einem in den Achtzigerjahren gestarteten und auf verschiedenen Ebenen ansetzenden Modellprojekt die dörfliche Gemeinschaft gestärkt und ihr Überleben gesichert werden sollte. Kernstück ist dabei das architektonische Programm, das den Fokus für einmal nicht auf den Tourismus, sondern auf die Belebung der traditionellen bäuerlichen Strukturen legt – kein schickes Hotel in Riesenchalet-Hülle wurde da gebaut, sondern moderne Ställe mit Pultdächern, in denen das Vieh wie früher am Dorfrand und nicht ausserhalb in einer Grossanlage untergebracht ist. Unweit davon steht die genossenschaftlich betriebene Metzgerei mit Schlachthof, die Mazlaria, in der das einheimische Biofleisch auch gleich zu regionalen Spezialitäten verarbeitet werden kann, wenn über dem steinernen Sockelgeschoss im hölzernen Oberbau die Salsize zum Trocknen aufgehängt werden.

Die Stallungen sind dabei wie alle anderen neu errichteten Gebäude vom Gemeindehaus bis zur öffentlichen Telefonkabine in einer weiterentwickelten Form der althergebrachten Strick- oder Blockbauweise ausgeführt, mit Holz aus der Gegend, das seit 2006 auch in der dorfeigenen Sägerei verarbeitet wird. Doch ein Dorfleben ist nicht nur von der Arbeit geprägt, davon zeugt die Totenstube unterhalb der Kirche. Mit aussen weiss gekalktem, im Innern poliertem, schellackglänzendem Holz ist sie keine kalte Aufbahrungshalle, sondern gleicht mit ihren verschiedenen Räumen vielmehr einem Wohnhaus, einem gemeinschaftlichen Ort, an dem man in Ruhe von den Verstorbenen Abschied nehmen kann. Architektur hat bei Gion A. Caminada in erster Linie eine soziale, gesellschaftliche Verpflichtung – der Traum des Architekten ist nicht die Selbstverwirklichung im Strahlenmeer eitel schimmernder Luxusarchitektur. Er will Lebensräume schaffen, die neuen Bedürfnissen gerecht werden, ohne dass die gewachsenen Strukturen voreilig preisgegeben werden, was – wie in Vrin – nur dann gelingen kann, wenn die Eigenheiten eines Orts erkannt und gestärkt werden.


 1934,    01  Sep  2016 ,   Design & Architektur
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