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Zentralschweiz

Die Bergmanndli

Die Bergzwerge schätzen und lieben die Gemsen, sie wollen nicht, daß die Jäger sie tödten, und manchem Alpenjäger ist es deshalb schon gar schlecht ergangen.

Die Bergzwerge schätzen und lieben die Gemsen, sie wollen nicht, daß die Jäger sie tödten, und manchem Alpenjäger ist es deshalb schon gar schlecht ergangen. Guten Jägern, denen sie wohl wollten, haben sie wohl auch das eine und das andre Stück z'weg gestellt, der durft' aber denn bei Leib und Leben nit mehr schießen, als mit den Bergmanndli veraccordirt war, sonst schmissen sie ihn die Felsen hinunter und bließen ihm das Lebenslicht aus elendiglich. Da war einmal ein Gemsjäger, der verstieg sich hoch in die Felsen, auf einmal stand ein eisgraues Bergmanndli vor ihm da, und sprach ihn zornig an: was verfolgst du meine Heerde? – Der Jäger war ganz erschrocken und sprach: hab' ich doch nit gewußt, daß die Gemsen dein sind. – Sprach der Berggeist: du sollst jede Woche vor deiner Hütte ein Gratthier finden, aber du hütest dich und schießest mir kein andres. – So geschah's, der Jäger fand alle Wochen den frischen Braten, der macht' ihm aber gar keine Freud', er konnte die Jagdluft nicht bezwingen, stieg wieder hinauf zu Berg und Holz, ward auch bald eines Gemsen-Leitbocks ansichtig, auf den legte er rasch an, zielte und schoß – aber wie er losdrückte, hob sich hinter ihm der Berggeist aus dem Boden, und zog ihm die Haren unterm Leib weg, daß er niederstürzte, und in den Abgrund hinunter schmetterte.

In Malters saß ein Untervogt, der hieß Hans Bucher, der wollt auch gern einmal ein Herdmanndli sehen; war gar ein eifriger Fischer und Jäger, aber sonst ein frommer Mann, stieg eines Tages hinauf am Pilatus, folgte dem Rümligbach und wollte gern Forellen fangen, da sprang ihm jählings ein Herdmanndli hinterwärts auf den Rücken und drückte ihn mit solcher Gewalt mit dem Gesicht in den Bach nieder, daß er schier vermeinte, er müsse versaufen. Dabei sagte das Herdmanndli zürnend: ich will dir wohl lehren, meine Thierlein fangen und jagen. – Als der Untervogt nach Hause kam, war er halb todt und sah im Gesicht aus, wie der Tod von Ypern; war auch auf der einen Seite erlahmt, und kam nimmermehr auf den Berg zu jagen oder zu fischen.

In Obwalden war ein alter Landammann, der hieß Heinrich Immlin, der hat selbst erzählt, wie er einmal zum Pilatus hinangestiegen auf die Gemsjagd, da begegnete ihm ein Zwegmanndli, und heischte, er solle flugs umkehren. Nun ist der Landammann ein starker stattlicher Mann gewesen, der spottete des Zwergs und sagte: He, du wirst wohl große Macht haben, mir was zu wehren! – Kaum gesagt, so sprang ihn der Zwerg an, drückt' ihn an einen Felsen, schwer wie ein Pferd, daß ihm schier die Seele ausfuhr, und die Sinne ihm vergingen. Lag da eine halbe Stunde für todt, bis die Seinen ihn fanden, erquickten und heimführten.

Textquelle: Deutsches Sagenbuch, Ludwig Bechstein


 1536,    24  Feb  2016 ,   Zentralschweiz
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