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Die Erdhäuser

Peter Vetsch wurde 1943 in Sax SG geboren. Er absolvierte nach der Landwirtschaftsschule in Cernier NE bis 1965 eine Lehre zum Hochbauzeichner in Winterthur und arbeitete danach in einem Atelier in St. Gallen. Prägend war sein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf unter Professor Joseph Beuys, das er 1970 mit dem Diplom abschloss. 1974 gründete Peter Vetsch ein eigenes Architekturbüro in Zumikon, mit dem er 1978 nach Dietikon zog. In diesen Jahren wurde er zum Pionier der umweltfreundlichen Erdhausarchitektur. Über neunzig davon hat er realisiert, baut daneben aber auch konventionell.

von Gabrielle Boller

Beim Begriff Erdhäuser mag man vielleicht heute zuerst einmal an die Höhlen der Hobbits denken, die in der Romanverfilmung ziemlich niedlich aussehen. Genauso gut könnte man aber an einen ganz anderen Film, an einen «JamesBond» von 1977, erinnert werden. Einer der Drehorte in «Der Spion, der mich liebte» war das luxuriöse Hotel «Cala di Volpe» auf Sardinien, mit dessen von Jacques Couëlle inszenierter organischer Architektur die von Peter Vetsch gebauten Erdhäuser wahrscheinlich weit mehr zu tun haben als mit den Behausungen eines Fantasyvölkchens – denn archaisch wirken Vetschs Häuser nur auf den ersten Blick, auf den zweiten entsprechen sie sehr modernen Konzepten. Erdhäuser sind zumeist auch gar nicht, wie der Name vermuten liesse, in einen Hügel hineingegraben, sondern ganz normal auf der Erdoberfläche gebaut.Anders als üblich schmiegen sie sich jedoch an den Boden anstatt dass sie in die Höhe wachsen und sind mit einer dicken Schicht Erde bedeckt. Mit Gras und Blumenbewachsen sind sie zudem harmonisch in die Landschaft eingebettet und erscheinen fast wie ein Stück Natur. Zu den praktischen Vorteilen der Erdhäuser zählt aber nicht nur ihre Unsichtbarkeit, sondern vor allem auch ihre Ökobilanz: Dank guter Isolierung und Nutzung alternativer Heizsysteme wie Erdwärme zum einen und Vergrösserung der Grünflächen zum anderen tragen sie zur Verbesserung der Luftqualität bei und schaffen Nischen für verschiedene Pflanzen­ und Tierarten, unterstützen also auch die Biodiversität. Ihre weich gerundeten Formen erhalten die Erdhäuser durch eine Metallnetzstruktur über frei geformten Tragarmierungen, auf die Spritzbeton aufgetragen wird. Aussen dichtet eine Schicht Polyurethan­Hartschaum die Konstruktion ab, innen verleiht ein feuchteausgleichender, gekalkter Lehmputz ein wenig südliches Flair. Auf der Südseite lassen grosse Fensteröffnungen die Sonne in die Räume scheinen, weiter hinten sorgen Oberlichtkuppeln für Beleuchtung – und alles ist weich und jugendstilhaft fliessed geformt.
Als Peter Vetsch in den Siebzigerjahren seine ersten Erdhäuserbaute, erwachte infolge der grossen Ölkrise gerade das Bewusstsein für den Umweltschutz, dessen Protagonisten, lang ist es her, gerne noch als weltfremde Hippies belächelt wurden. In der Architektur vollzog sich in kleinen Kreisen schon seit den Fünfzigerjahren etwas Vergleichbares, wenn retrofuturistische Trendsetter wie etwa Friedrich Kiesler, Dante Bini oder Antti Lovag mit Schalen­ und Kugelhäusern gegen die immer noch hochgehaltenen Ideale der Moderne und des rationalen Bauens antraten. Nieder mit dem rechten Winkel? Nicht nur das, denn wenn Peter Vetsch sagt: «Die Architektur der Zukunft sollte die Natur nicht beherrschen, sondern sie sollte sich ihr unterordnen», hinterfragt er mit seinen Erdhäusern noch so manch andere Konvention heutigen Bauens.


 180,    10  Apr  2017 ,   Design & Architektur
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