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Designer: Alfredo Häberli

Sessel: Take a Line For a Walk

Als Alfredo Häberli, geboren 1964 in Buenos Aires, 1977 mit seinen Eltern zurück in die Schweiz kam, musste er zuerst Deutsch lernen. 1991 erhielt er in Zürich sein Diplom in Industriedesign mit Auszeichnung, kurz darauf eröffnete er sein eigenes Atelier. Heute arbeitet er mit vielen grossen Firmen und gestaltet höchst erfolgreich Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Geschirr, Textilien oder Küchengeräte. Sein bislang umfangreichstes Projekt war die komplette Innengestaltung des Hotels «25hours» in Zürich West. 2014 wurde er mit dem Schweizer Grand Prix Design des Bundesamtes für Kultur ausgezeichnet.

von Gabrielle Boller

Der Sessel heisst nicht nur so, er sieht auch so aus, als sei er allein aus dem Schweifen einer Linie entstanden – selbst durch die Polsterung hindurch lässt sich die wie aus einem Guss fliessende, schwungvolle Grundform des Gestänges von «Take a Line For a Walk» erkennen. Das kommt nicht von ungefähr, denn Alfredo Häberli ist ein begeisterter Zeichner, der sich seinen Entwürfen gerne erst einmal mit dem Zeichenstift nähert und schon unzählige Skizzenbücher mit wundersam anmutigen Bildnotizen gefüllt hat. Als er den Sessel, oder, moderner, den Lounge-Chair 2003 für Moroso entwickelte, kam ihm gerade das «Pädagogische Skizzenbuch » aus der Zeit Paul Klees am Bauhaus in die Hände – es gefiel ihm, wie Klee eine Linie auf einen Spaziergang «um seiner selbst willen» schickte und adaptierte die Idee für seinen Fauteuil. Der nimmt sich nun aus wie eine Mischung zwischen einem Sessel aus der Kommandozentrale des Raumschiffs Orion und dem gemütlichen Ohrensessel, in dem früher der Opa abends sein Pfeifchen zu schmauchen pflegte. Das will heissen: Der Sessel ist nicht nur schnörkellos klar geformt und funktional, sondern erzählt eine Geschichte, und noch besser, er lässt auch den Benutzer durch Begünstigung stilvoller Selbstinszenierungen daran teilhaben. Denn wie man es auch anstellt, in diesen zum Fläzen einladenden Fauteuil kann man sich hineingiessen wie man will, auch das flegelhafteste Herumlümmeln hat noch etwas gepflegt Souveränes. Das dürfte zum einen der Kommandosesselanmutung zu verdanken sein, aber auch dem eleganten Schwung des Sessels, der offenbar unweigerlich auf seine Benützer abstrahlt. Neben diesen emotionalen Qualitäten hat der Lounge-Chair natürlich auch praktische Funktionen – die riesigen Ohren dämpfen den Schall und schlucken allfälligen Umgebungslärm wirkungsvoll, für Komfort sorgt die bei einigen Modellen elegant direkt im Untergestell eingebaute Fussstütze. Der Fauteuil ist fast eine kleine Insel, und wem das noch nicht genug ist: 2013 wurde dem Sessel – die Zeiten verlangen nach Kuscheligem – beim Modell «Take a Soft Line For a Walk» noch ein extradickes, abnehmbares Polster verpasst.

Alfredo Häberlis Entwürfe haben stets einen Mehrnutzen – was ihn als Industriedesigner beschäftigt, ist die Gestaltung von Alltagsgegenständen, die es so vorher noch nicht gegeben hat. Kleiderbügel mit einem Handgriff beispielsweise, die Stoffe vor ständigem Zugriff schützen, oder Geschirr mit Noppen, multifunktional und besonders gut stapelbar – immer sind es kleine, feine Details, die seine Produkte auszeichnen und unverwechselbar machen. Für BMW hat er gerade einen Entwurf für ein Zukunftsauto entwickelt, das, mit Segeln ausgestattet, dank Windkraft dahingleiten soll; Entschleunigung scheint ihm zeitgemässer als Geschwindigkeit. Vielleicht wirken Alfredo Häberlis Entwürfe ja auch deshalb so zeitlos modern, weil sie Design sind, dem die Zukunft noch nicht abhandengekommen ist.


 896,    23  Feb  2016 ,   Design & Architektur
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