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Westschweiz

Vergletscherung der Alpen

Wir beginnen mit den Sagen über ein goldenes Zeitalter in den Alpen und über die allmähliche Verwilderung derselben.

Wir beginnen mit den Sagen über ein goldenes Zeitalter in den Alpen und über die allmähliche Verwilderung derselben. Der Alpenwelt ist dieser Mythos eigentümlich.

Manche vormals blumige Alpe (Blümelisalp) hat das Andenken grauser Vergletscherung aufbewahrt, die plötzlich hereingebrochen. Damals, in jenen besseren tagen, war noch überall auf den Alpen fruchtbare Weide, und ewiges Eis bedeckte noch nicht ihren schönsten Teil. Damals waren die jetzt so häufig vorkommenden Giftpflanzen, der Eisenhut und andere, dem Vieh gesund, dem Menschen nicht schädlich. Damals fraßen die Kühe ohne Schaden die giftige Wolfsmilch, welche einige Alpen ganz überzieht, und gaben desto mehr Milch. Dreimal des Tages wurden sie gemolken. Allein die Laster der Menschen weckten den Zorn des Himmels und das ewige Eis der Gletscher überzog zur Strafe den grünen Teppich des Alpenrasens.

Die Hirten von Ormond in der Waadt erzählen:

Einst waren die Kühe von ungeheurer Größe und hatten solch einen Überfluß an Milch, daß man sie in gegrabene Teiche melken mußte, die sehr bald angefüllt waren. Zu Schiff fuhr man aus, um den Rahm von der Milch abzunehmen. Eines Morgens aber, als ein schöner junger Hirt dies Geschäft verrichtete, warf ein Windstoß seinen Nachen um und er ertrank. Die Jünglinge und Mädchen des Tales trauerten um ihn und suchten lange seine Leiche, um sie zu begraben; jedoch vergebens. Erst nach einigen Tagen, als man buttern wollte, fand sie sich mitten im schäumenden und aufschwellenden Rahm des Butterfasses, das so hoch war wie ein Turm. Da bestattete man ihn in einer weiten Höhle, die von den Bienen mit Honigscheiben, so groß wie Stadttore angefüllt worden war.

Schriftsteller melden, daß Spuren von Wachstum und Anbau bis hoch in die Berge stiegen, wo jetzt Verwüstung ist. Bonstetten berichtet: Auf hohem Felsgebirg, wo keine Spur von Gesträuch ist, liegen große Bäume; so auf dem Geistenberg im Schächental (Uri). Also war Erde und Leben, wo keines mehr ist. Im Wallis hat man eine steinerne Brücke am Eisgebirg gefunden, an einer Stelle, wo kein Zugang ist. Auch sind Spuren von Straßen auf den Alpen, die zu Abgründen führen.

Getreidebau drang weit in das Hochgebirg empor. Haller erzählt, daß er viele Berge, welche jetzt ewiger Schnee bedeckt, in seiner Jugend, nur während des Winters mit Schnee verhüllt gesehen. In den Luzerner Gebirgen, wo nun kein Mensch es wagen würde zu überwintern, finden sich Trümmer eines vormaligen Dorfes und einer Mühle. Der Weg zwischen Kandersteg und Lauterbrunnen ist durch das beträchtlich zunehmende Eis so gut wie ungangbar geworden. Der Lauteraargletscher war sonst ein fruchtbares Tal, das seiner Schönheit wegen den Namen Blümelisalp erhielt; der von Grindelwald war ehedem ein offener Paß nach dem Wallis zu; und an den Grenzen der Gletscher sieht man allenthalben Spuren des herabdringenden Eises, herabgestoßene Bäume und Felsstücke.

In dem heute von Trümmern übersäten Urbachtal erzählen die Älpler, daß vor langer Zeit ein Hirtenknabe nicht einen Stein gefunden hätte, den er seinem ungehorsamen Kälblein hätte nachwerfen können. Aus dem Wallis, heißt es, kamen ganze Kindstaufen über das Gebirge nach Grindelwald in die Kirche.

Hoch auf Sulwald, und höher als das Bergdorf Eisenfluh stand eine Mühle, von welcher der Bodenzins bezahlt wurde bis in die neuesten Zeiten, während sie mit allem Getreideanbau schon längst verschwunden war. An der Schwalmern und am Schwarzhorn hat sich seit Menschengedenken Eis oder bleibender Schnee gelagert. Sagen von verschütteten, untergegangenen Ortschaften werden viel erzählt. Manche Höhen sollen vom Wasser bespült gewesen sein. Der Thuner- und der Brienzersee sollen früher ein einziges Becken gewesen sein.

Viele Bergschluchten waren von Strömen durchflossen und die Gebirgshalden boten Wohnplätze dar und Anmut und Sicherheit mag die frühesten Bewohner auf die obersten Joche und an die höchsten Abhänge hinaufgelockt haben. Verschiedene Heidenlöcher, Spuren einer sogenannten Heidenbrücke am Susten, sind vielleicht Überreste der ersten Bevölkerung.

Unweit Brienz soll ein Tal, Tiefital oder Teufital genannt, vor alters seine bleibenden Bewohner auch während der Winterszeit gehabt haben; jetzt aber zeigt nur das Örtlein Engi hier ein paar Winterbehausungen. Jenes Tal indes hat noch einige uralte Häuser, die unter dem Namen Heidenhäuser bekannt sind, nach der Meinung der Landleute aus der Zeit des Heidentums herrühren sollen und jetzt nur noch im Sommer für einige Zeit den Besuch der Eigentümer erhalten.

Zwischen dem Faulhorn und dem Röthihorn finden sich in einem ziemlich ebenen Talboden jetzt große Schneelager neben einzelnen Plätzen von guter Gartenerde, die schon keine Kräuter mehr nährt. Vor Jahren entdeckte man hier noch Baumstämme, die ganz in der Erde begraben lagen und von undenklicher Zeit herrühren. Man erzählt, es habe vor alters an dieser Stelle ein freundliches Dorf mit Namen "Zur Goßen" gestanden. Auch Meyringen wird von den Haslern meist "An der Goßen" genannt. In jenem Dorf am Faulhorn soll einst ein Mägdlein beim Brunnen einen Eiszapfen gefunden und ihn als ein seltsames Ding seinem Meister gebracht haben, um zu vernehmen, was das sei. Aber der Meister sagte betrübt: "Das ist ein Zeichen von kalter und böser Zeit, die heranrücken will." Allmählich verwilderte die Gegend und keine Sennhütte steht mehr da, wo einst ein schönes Winterdorf gestanden.

Eine ganz ähnliche Sage geht über den Ferpeclegletscher im Eringertal.

Die Volkssage gibt als Ursache der Alpenvergletscherung einen Frevel an, der von einem Hirten begangen wurde. Die Clariden im Glarnerland und mehrere Blümelisalpen im Berner Oberland sind ein Hauptsitz dieser Sage. Im verbotenen Umgang mit einer sittenlosen Dirne lebend, vergeudete ein Hirt verschwenderisch Milchspeisen und Käse einer schönbeblümten und fruchtbaren Alpe; er trieb grausamen Spott gegen seine Mutter, als diese ihn einst freundlich besuchte. Eine Treppe von Käse erbaute er für seine Buhle und für seine Lieblingskuh. Da verwünschte die Mutter den ganzen Berg, und alsbald brachen Felsen und Gletscher herein, die alles verwüsteten und den Hirten samt seiner Kuh zum Gespenst machten.

Auf den Surennen-Alpen zwischen Engelberg und Uri hat man eine eigentümliche Überlieferung, die aus einem anderen Frevel das Verwildern der Bergtrift entstehen läßt. Vor langen Jahren, heißt es, kam einer Rotte mutwilliger Jungen in den Sinn, einen Widder zu taufen. Da ward zur Strafe dieser Ruchlosigkeit ein entsetzliches Ungeheuer aus dem Widder, und Schafe, Rinder, Kühe, selbst Menschen in Unzahl wurden von ihm zerrissen, so daß die Gegend öde ward und immer wilder aussah. Nach langem aber zog ein fremder fahrender Schüler des Weges. Der war kundig geheimer Künste und gab dem betrübten Volke Rat, wie es sich helfen könnte. Er gebot, sie sollten das Erstlingskalb von einer starken Kuh nehmen und es zwölf Jahre lang säugen lassen, jedes Jahr durch eine Kuh mehr, bis ihrer ebenfalls zwölf sein würden und das Kalb erstarkt wäre zum fürchterlichen Stier. (Anders erzählt: Sie sollten ein Kalb neun Jahre lang mit bloßer Milch ernähren, im ersten Jahr von einer einzigen Kuh, im zweiten von zwei, im dritten von drei, und so fort, und nach neun Jahren sollten sie dann diesen so mit Milch aufgezogenen Stier durch eine reine Jungfrau auf jene Alpe führen lassen.) Dann sollten sie eine reine Jungfrau wählen, die an ihren Haarschnüren dieses Ungetüm auf die Alpe hinführte, wo es ihnen Ruhe schaffen könne. Die Hirten taten das. In wenigen Jahren wuchs das Kalb zu einer Größe, daß man eine hohe Bühne für die Kühe bauen mußte, an denen es forthin saugen sollte. Endlich kam die festgesetzte Zeit, und als das rechte Mädchen auserkoren war, da zog der Riesenstier, sonst unbändig, ihm still und gehorsam nach. Es schritt an dem Berghang weit empor bis zu einem großen Stein, welchen es erkletterte und wo es den Geführten entließ. In kurzem brach das Untier des Berges mit schrecklichem Gebrüll daher und ein furchtbarer Kampf erhob sich mit dem Stier, bis jenes tödlich verletzt erlag. Da trank der erhitzte Stier aus einer nahen Quelle und fiel plötzlich leblos zu Boden. Aber die Oberfläche des Berges kehrte nie zur alten Herrlichkeit zurück, er ist auch jetzt noch rauh und steinbedeckt und nicht so kräuterreich, als er vordem gewesen. Man sagt auch, die Klauen der Hinterfüße des Stiers hätten sich so tief in den Stein geprägt, daß ihre Spuren bis auf den heutigen Tag sichtbar seien.

Auch Zauberern werden solche Veränderungen zugeschrieben. Ein solcher soll das Urserntal am Gotthard, neidisch über seine ursprüngliche Schönheit, mit Blitzen verwüstet haben. Die Blitze haben den alten, reichlichen Wald in Asche gelegt und der Zauberer habe den Boden verflucht, daß nicht von neuem Bäume darauf gedeihen konnten.

An der südlichsten Grenzscheide deutschen Landes ragt das Matterhorn empor, der westliche Nachbar des Monte Rosa. Da, wo jetzt die Visp einem Gletscher entfließt, soll nach der Aussage der Umwohner vor Zeiten eine ansehnliche Stadt gelegen haben. Durch diese kam einmal der "Laufende Jud", wie sie sagen, und sprach: "Wenn ich zum zweiten Mal hier durchwandere, werden da, wo jetzt Häuser und Gassen sind, Bäume wachsen und Steine liegen. Und wenn mich zum dritten Mal der Weg daher führt, wird nichts da sein als Schnee und Eis." (Grimm, Deutsche Sagen)

Er muß wirklich schon dreimal das Matterjoch überschritten haben, denn er hat sich verewigt durch Schnee und Eis. Er scheint darauf auch die entgegengesetzte Höhe des Wallisertales überschritten zu haben, denn es geht dort die Sage, der Ewige Jude sei dreimal über die Grimsel gewandert und er habe sie zuerst als Weinberg, dann als Tannenwald und endlich als Schneeberg angetroffen. Für einen Schneeberg gilt die Grimsel gewiß und durch Holzmangel, Felsstürze, durch Vorrücken der Gletscher wird sie es mehr und mehr. Es scheint, als habe das Berner Oberland den Ewigen Juden zum dritten Mal noch zu erwarten, indem man sich in der Gegend von Blumenstein erzählt, das alleinstehende Kirchlein des Dorfes habe früher zu einer Stadt gehört. Zum erstenmal, als der Ewige Jude diese Gegend bereiste, sei sie gesegnet gewesen, das zweitemal habe er aber die Stadt wegen ihrer Sittenlosigkeit zu einer unfruchtbaren Wüste verwünscht, und wenn er das drittemal wiederkomme, so werde diese Gegend zu Gletscher werden.

Textquelle: Theodor Vernaleken, Alpensagen - Volksüberlieferungen aus der Schweiz, aus Vorarlberg, Kärnten, Steiermark, Salzburg, Ober- und Niederösterreich, Wien 1858


 1553,    24  Feb  2016 ,   Westschweiz
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